Spontanausflug ins Havelland

IN BEARBEITUNG!

Endlich ist es soweit. So lange haben wir den Wunsch aufzubrechen und dort zu bleiben oder uns umzusehen, wo es uns gefällt. Im Gepäck zwei bequeme Campingstühle, eine Minireisetasche, falls es so schön ist, dass wir übernachten wollen und tatsächlich Aufbruchslust. Letzteres ist am wichtigsten, da – je älter wir werden, es zu Situationen kam, dass wir nicht top fit waren, das Wetter nicht mitspielte oder wir plötzlich lieber wo andershin gefahren wären. Zudem finden wir unseren Garten wunderschön. Er bietet alles für eine perfekte Erholung.

Heute nun ist der Tag – draußen frische, sonnige Frühlingsluft, wir voller Reiselust und ein vages Ziel: gen Norden 😊

Unser Weg führt uns durch wunderschöne gelbe Rapsfelder, Büsche und Bäume voller Blüten und kleine ruhige brandenburgische Dörfer.

Fontaneroute nach Ribbeck

Plötzlich taucht ein Wegweiser auf, der einlädt der Fontaneroute nach Ribbeck zu folgen. Einige Stationen Fontanes haben wir schon zurückgelegt, aber diese noch nicht, obwohl wir von deren Existenz wussten. Also biegen wir ab und sind vom kleinen Ort überwältigt.

Bekannt ist der Ort vor allem aufgrund des Ribbecker Birnbaumes und Fontanes Gedicht dazu und die zugrunde liegende Sage. An der Stelle, wo der originale Birnbaum stand, im Schatten der Kirche wurde ein neuer gepflanzt. Auch in zahlreichen künstlerischen Formaten begegnet uns die Birne.

An einem zentralen Platz begegnet uns schon eine weitere Kuriosität: Eine alte, authentisch eingerichtete Schule. Hier wurde aber auch alles aus verschiedenen Jahrhunderten aufbewahrt. Besonders interessant sind Berichte von Schülern und Schülerinnen und geforderte Ansprüche an die Lehrerpersönlichkeit. Schaut man die Klassenfotos an, so ist eine heutige Klassenstärke von 25 das Paradies. Auf den alten Fotos sind mindestens 40 Kinder zu sehen, und ich glaube nicht, dass diese einfacher zu unterrichten waren als unsere heutigen. In eben solchen Schulbänken saß ich auch von 1959 – 1963. Die Löcher für die Tintenfässer allerdings waren leer. Ich schrieb schon mit einem Füllfederhalter.

Wir staunen auch, welch großartige Events hier im weitläufigen Schloß Ribbeck stattfinden. Es ist ein schöner malerischer, historischer Ort.

Der älteste Flugplatzes der Welt

Nur ein paar Kilometer weiter weckt schon das nächste Schild unser Interesse: Stölln, die Stadt der Fluggeschichte. Hier soll Otto Lilienthal mit seinem Flugzeug abgestürzt zu sein. Fast wären wir vorbeigefahren, erinnerten uns aber schnell an unser Anliegen: Mitnehmen, was auf dem Weg liegt. Begrüßt werden wir auch hier von einem Storch direkt neben dem „Lilienthal Centrum“. Wir werden so liebevoll durch einen Mitarbeiter in die Museumsgeschichte eingeführt, dass wir nicht umhinkommen, und Tickets fürs Museum zu kaufen. Was für eine sehenswerte Ausstellung! Neben historischen Schautafeln an den Wänden des lichtdurchfluteten Raums bestimmen riesige nachgebaute Flugkörper an der Decke die Atmosphäre der Ausstellung. Darunter auch die Konstruktion, mit der Lilienthal abstürzte. Dass Lilienthal sich in seiner Arbeit vom Verhalten der Vögel leiten ließ, zeigt ein zweiter großer Raum, der ihn als Ornithologe zeigt. Diese Ausstellung beeindruckt selbst mich, die weder besonders technisch noch an Historie uninteressiert ist.

Gegenüber des Museums sehen wir das erste Storchenpaar. Zahlreiche weitere Storchennester mit ihren Bewohnern werden uns über die gesamte Reise begleiten und klappern.

Aber es soll noch besser kommen: Im Ticket inbegriffen ist der Besuch einer IL62 mit dem Namen „Lady Agnes“, die von einer ambitionierten Bürgermeisterin 1989 in einem sagenhaften860m kurzen Landeanflug, der den Weg ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hat, in die Wege geleitet wurde. Im Flugzeug selbst informiert ein Film darüber und es befindet sich im vorderen Teil der Maschine ein aktives Standesamt für Paare, die eine besondere Trauung wünschen.

Ankunft in Havelberg

Gespannt, was uns der Tag noch bringen wird, setzen wir unseren Ausflug fort. Es ist schon spät am Nachmittag, als uns in der Ferne die Burg des nächsten Örtchens anlockt: Havelberg. Schnell das Auto abgestellt ist die kleine Stadt eine große Überraschung, für die wir uns mehr Zeit nehmen wollen. Auf der Suche nach einem Hotel empfiehlt uns ein Einwohner das Arthotel Kiebitzberg. Wir checken ein in eine Suite (Ja, wir lassen es uns einmal richtig gut gehen) mit einer einzigartigen Kunstgalerie im gesamten Haus. Zum Abendessen wandern wir hinunter an sie Havel zu einem Italiener. Sonnenuntergang und ein gutes Essen.

Und ich? Ich halte Augen und Ohren offen, um die schöne Havel und die roten Häuser in mich aufzunehmen, versuche die Scheibe zwischen mir und der Welt „wegzusehen“, fühle die Sonne im Rücken und sehe Egon vor mir, wie er malt …und Ja, ich fühle mich wohl und bin sehr dankbar!

Gegen 19.00 Uhr steigen wir hinauf zum Domberg. Die Domglocke läutet (fühlen uns wie unter Gottes Schutz), der Ort liegt friedlich im blühenden Frühling unter uns. FRIEDEN, den wir uns für alle überall wünschen: Sein in den Jahreszeiten. Ein wunderschöner Tag! Deutschland ist so schön 😊.

Rundfahrt ins Naturschutzgebiet

Der nächste Tag beginnt mit einem langen Frühstück im Hotel. Als Highlight für den Tag buchen wir eine Rundfahrt ins Naturschutzgebiet. Auf dem Boot erfahren wir, dass das ein Glücksfall ist, denn nur wenn sich Reisgruppen angesagt haben, werden private Plätze angeboten. Es handelt sich um ein süßes kleines Schiff mit Speiseangebot und einem Oberdeck. Zunächst nehmen wir unten Platz, denn trotz Sonne sind die Temperaturen niedrig. Als der Reisebus vor dem Schiff ankommt, ist es vorbei mit der Ruhe, was etwas schade ist, denn man versteht die Zahlreichen interessanten Informationen des Kapitäns nicht so richtig bei dem Geschmatze des 3-gängigen Menüs und dessen Bewertung.

Deshalb nehmen wir unseren Orangentee und setzen uns hinauf aufs Deck. Was soll ich sagen: Eine einmalige Weite mit einer unbeschreiblichen Vielfalt an Vögeln, Enten, und Insekten! Das ist sooo schön 😊. Wir erfahren, dass es Renaturierungsprogramm bis 2033 gibt, begonnen 1985. Bis dahin wurde der Verlauf der Havel künstlich gelenkt und Seitenarme abgetrennt. Das wurde und wird nun auf 87 ha zurückgebaut:

  • 175 km Auen- und Uferwald
  • Beseitigung von 29 km Uferdeckwerk
  • Aktivierung von 61 Flutrinnen
  • Anschluss von 23 Altarmen.

Da es Brutzeit ist, können wir überall Brutnester auf den Wasserinseln sehen. Ein absolut sehenswertes Erlebnis!!!

Kleines Kino – großartiger Film

In der Touristinformation erhielten wir am ersten Tag eine ganze Reihe von Ausflugsmöglichkeiten; Gaststätten und Cafés und Events. Wir entscheiden und für das Bilderbuchcafé, um uns nach der Bootsfahrt zu stärken. Sehr lecker!

Der Tag neigt sich nach einem kleinen Spaziergang durch Havelberg schon fast dem Ende, als wir in die Buchstation eintreten. Ein Paradies für Leser! Kaum zu glauben, was wir hier alles sehen. Die Station wird, wie so vieles in Deutschland, ehrenamtlich betrieben. Aber das ist noch nicht alles! Gegen 19 Uhr verwandelt sich das Café #Bilbliothek! in ein Kino. Über die Tür wird eine Leinwand gezogen, Besucher nehmen an kleinen Tischen Platz und genießen einen Tee oder ein Bier. Wir sehen den Film „Im Schatten des Orangenbaums“. Er schildert am Beispiel einer palästinensischen Familie über mehrere Generationen hinweg die fragliche Entstehung des Staates Israel und dessen Folgen bis heute. Anfangs dachte ich, die Geschichte nicht ertragen zu können, im Verlauf fesselt sie mich derart, so dass mich der Film zu einer gefestigteren Haltung zu diesem aktuellen Problem führt. Worin diese besteht, schreibe ich hier nicht auf. Jeder sollte den Film sehen.

Aus unserm Art-Hotel werden wir mit einem Reisekeks verabschiedet. Als wir ihn essen, fällt uns dieses schöne Rezept in die Hände. Wir werden es auf jeden Fall ausprobieren.

Kaiser- und Hansestadt Tangermünde

Auf dem Rückweg halten wir in der kleinen Kaiser- und Hansestadt Tangermünde mit seiner Backsteingotik. Wirs schlendern entlang der Kirchstraße, am Rathaus mit Störchen auf dem Turm vorbei, stärken uns im Hotel „Exempel – Schlafstuben, besuchen das Neustädter Tor, die Stadtmauer, den Wehrturm und stehen an der Mündung des Tangers in die Elbe.

Beseelt geht’s nach Hause, wo wir uns besonders auf unseren Garten freuen.

Mitgenommen ins Leben

  • Das Gefühl, zwei Wochen unterwegs gewesen zu sein, begründet in der Tatsache, dass wir fast keine Vor- und Nachbereitung hatten
  • Die Erkenntnis, dass unsere nähere Umgebung (max. 200 km Umkreis) sehr viel Wertvolles und Schönes bietet
  • Ein neues Gefühl für die Natur, was sich auch im Garten zeigen wird
  • Schöne Malerei und Texte
  • Ein Bewusstsein, wie sehr gemeinsame kleine Ausflüge verbinden
  • #Begegnungen mit den Menschen
  • #Bücher für eine Spende

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